Gedanken zum Thema  
   
 
 
   
 

Liebe Leserinnen und liebe Leser!

Seit nunmehr acht Jahren widmen wir dem Jahresthema der Imaginata die dritte Ausgabe unserer Straßenzeitung. In diesem Jahr wird das Jahresthema " EMPÖRUNG" die inhaltliche Gestaltung unseres Magazins zu einem sehr großen Teil begleiten. In seinen vielen Auffassungen ist es uns förmlich auf den Leib - ins Stammbuch geschrieben. Es scheint danach zu rufen, dass wir uns dem Thema auf unsere Weise zuwenden. Gäbe es ohne Empörung unsere Zeitung überhaupt? Waren es nicht die Vertreter sozialer Initiativen und Vereine, die sagten - Menschen in Not brauchen eine Lobby. Dabei steht es uns fern, diese Not allein im Finanziellen zu sehen. Unsere Sicht geht dabei weiter. Wollen wir mit unseren Beiträgen nicht vor allem anregen über Dinge, Situationen und Probleme nachzudenken, die wir und der Leser nicht immer selbst durchleben müssen? Erfahren wir nicht auch im Team, dass es sehr schwer ist und wie die Realität beweist auch gesellschaftlich kaum gewürdigt wird, wenn sich der eine oder andere offen zu seinen Problemen, Nöten und Defiziten bekennt? In der Vorbereitung und in den Redaktionssitzungen wurde uns bei den nicht immer leichten Auseinandersetzungen bewusst, dass Empörung ein sehr persönliches Gefühl - eine Reaktion auf die Verletzung in uns gefestigter Werte und Wertvorstellungen ist. Aus ihr kann die Kraft erwachsen, die uns befähigt zu verändern. Aber auch ohne Veränderung kann eine psychisch befreiende Wirkung für den Einzelnen entstehen. Welcher Aufreger sollte für uns maßgebend sein - die beschmierte Mülltonne, gegen die Tatsache, dass jeder Dritte in den Städten der Welt in Armenvierteln lebt, dass 828 Millionen Menschen unterernährt sind? Empörung ist da mehr als angebracht. Uns als Team lassen besonders die Sorgen, die Nöte, die Behinderungen von Menschen in Not nicht kalt und wir gehen nicht gleichgültig an neoliberaler Dekadenz, die diffamiert, statt wirklich Chancen zu begründen, vorüber. Wir wollen nicht zur Tagesordnung übergehen, ohne ihre Nöte auf unsere Weise auf die Tagesordnung zu setzen - zum Vorwurf für unsere Arbeit zu nehmen. Mit Beiträgen, wie dem Gespräch mit M. Ebenau (IG-Metall) zum Thema Hartz IV, mit L. Zimmermann (Jenaer Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus) zum Thema "Rechts empört - Empören Sie die Rechten?" oder einem Interview mit dem Enthüllungsjournalisten G. Wallraff, möchten wir Ihnen Anregungen bieten.

Andreas Mützlaff


Noch ein Gedanke zum Thema? Wer hat denn beim NOTausgang das Sagen? Die Ordnung ist schon klar. Einer hat den Hut auf, leitet die Redaktionsarbeit - ist Leiter des Redaktionsteams und zeichnet als V.i.S.P. Doch jedes Mitglied bringt seine Erfahrungen und Gedanken ein. Was Leben bringt in den Redaktionskeller und in unser Heft. Joachim Hennig (V.i.S.P.).

Liebe Leserinnen und liebe Leser!

Das Redaktionsteam will sich nicht nach außen hin durch seine Zeitung empören. Jedoch möchten wir durch unsere Sicht auf die Dinge für das Thema Empörung sensibilisieren. Bei der Ausarbeitung dieser Ausgabe erkannten wir aber auch: ohne Empörung geht es nicht, stünden wir nicht da, wo wir heute stehen. Im negativen, wie im guten Sinne. Für uns war es nicht leicht, der Empörung ein Gesicht zu geben. Jeder empfindet sie anders und gibt ihr auf eigene Weise Ausdruck. Sie begleitete uns als anregender Impuls, mal schlagfertig und impulsiv, mal auch etwas leiser. Empörung. Wer oder was soll das sein, für uns, in unserem Leben? Die Suche nach der Antwort führte uns in manche Diskussion. In lange Diskussionen: über Definition, über die eigene Empörung, über kollektive und auch gerechtfertigte Empörung. Mit deutscher Sachlichkeit konnten wir sogar einige Empörungen zum kurzen Aufreger degradieren. Ein jeder konnte mitreden, denn jeder ist mit seiner Empörung der Experte und schafft es auf seine Weise seine Umwelt dran teilhaben zu lassen. Die Universalantwort gibt es nicht. Empöre ich mich, dann sollte ich handeln. Sei es nun gegen Obdachlosigkeit, gegen Hunger oder Rechtsextremismus. Etwa wie Luise Zimmermann vom Netzwerk gegen Rechtsextremismus. Das Marschieren der ewig Gestrigen und deren erwiesenermaßen gescheiterten Vorstellungen von Politik und Herrenrasse stellen für sie einen direkten Angriff auf unser Zusammenleben dar. Ihre Empörung hat sie stark und aktiv gemacht. Das aber muss gelernt sein. Es erfordert Zivilcourage. Manchmal auch das Engagement gemeinnütziger Vereine wie "Hauen ist doof". Die Gestaltung des Gemeinwesens für die Gegenwart und die Zukunft beginnt im (bei den) Kleinen. Deshalb setzt der Verein bei den Kindern an. Er vermittelt ihnen, wie sie sich selbst konstruktiv mitteilen können, ihre Wünsche und Vorstellungen zu äußern wissen. Mit Argumenten, statt Fäusten. Mit Worten, denen Taten folgen. Sie lernen auf Dialog, statt Konfrontation zu setzen und geben ihrer Empörung eine Richtung. Das hat diese Welt bitter nötig. Wären Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser, wäre unser Redaktionsteam der Meinung, dass alles im Reinen ist, dann gäbe es diese Zeitung ganz sicher nicht.

Marcus Döpel